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Zigarrenfabrikant Hugo Günzburger setzt alles auf eine Karte Die Geschichte der Zigarrenfabrik Günzburger im deutschen Emmendingen beginnt mit einer Liebesheirat und grossen Plänen. Am Ende stehen Exil, Wiedergutmachungsverfahren und ein schlichtes Grab.

Von Urs Thaler


1909 machten im Deutschen Reich über 1000 Zigarrenfabriken dicht. Die Zölle waren zu hoch, der Konsum ging zurück. Hugo Günzburger ging voll ins Risiko, als er 1910 in Emmendingen eine Zigarrenfabrik eröffnete. Zwanzig Jahre später zählte sie zu Deutschlands Grossbetrieben.

Nein, Hugo Günzburger war kein Hasardeur und kein Spekulant. Der Emmendinger Tabakkaufmann, der aus einer alteingesessenen jüdischen Familie stammte, wusste genau, was er tat, als er mitten in der Krise Ende 1909 die Gründung der Zigarrenfabrik Günzburger & Cie. vorbereitete. Fachlich war sein Rucksack gut gefüllt. 1896 hatte der 15-jährige Emmendinger die kaufmännische Lehre bei der Zigarrenfabrik Max Bloch begonnen und drei Jahre später erfolgreich abgeschlossen. Danach stieg er bei Bloch vom Commis zum Buchhalter und Rohtabakeinkäufer auf. 1906 wechselte er zur Zigarrenfabrik Rosenkranz im lothringischen Metz, wo er sich vertieft mit den technischen Abläufen der Produktion, der betrieblichen Organisation und dem Verkauf der Fertigware befasste. 

Hugo Günzburger hätte mit diesen Kenntnissen in jeder grossen Zigarrenfabrik eine gut bezahlte Führungsposition bekommen können. Doch er strebte anderes an. Er wollte Unternehmer werden und eine eigene Zigarrenfabrik aufbauen. Dabei verfolgte er von Anfang an eine klare Strategie. Mit seinem Betrieb wollte er wachsen. Also nicht bloss ein paar Gasthäuser und Kolonialwarenläden der Region mit Rauchwaren bedienen, wie das viele Kleinunternehmer taten. Solche Kleinstbetriebe, in denen Vater, Mutter und Kinder arbeiteten, gab es damals im Reich zu Hunderten. Sie benötigten kein Fremdkapital, produzierten im eigenen Haus oder gar in der Mietwohnung, verarbeiteten billigen deutschen Tabak und hatten keine liquiden Mittel, um teure Übersee-Tabake einzukaufen.

Hugo Günzburger dagegen wollte mit bestem ausländischen Rohtabak arbeiten – aus Brasilien, Kuba, Sumatra. Mit qualitativ hochstehenden Zigarren zielte der Emmendinger Tabakkaufmann nicht auf die Region Baden. Sein Absatzmarkt sollte das ganze Deutsche Reich und vor allem der Grosshandel sein. 

Wer als angehender Zigarrenfabrikant eine kleine Manufaktur plante, brauchte damals kaum Kapital und ging wenig Risiken ein. Wer jedoch wie Günzburger grössere Pläne hegte, benötigte Kapital, um Vorinvestitionen zu tätigen. Zweifellos hatte der junge Emmendinger in seinen Angestelltenjahren einiges angespart. Auch hatte er beim Tod seines Vaters, des Viehhändlers Israel Günzburger, geerbt. Doch allzu viel war das nicht, weil der grösste Teil des Erbes an die Mutter ging, die bis 1933 lebte, und der Rest unter acht Geschwistern aufgeteilt werden musste. 

Am gewichtigsten war bei Hugos Firmengründung wohl eine Anwartschaft. Nämlich die Mitgift, die seine künftige Frau Marta – eine Tochter von Hugos Onkel Philipp Günzburger – in die Ehe einbringen würde. Die Hochzeit fand 1911 statt. Es war keine arrangierte Ehe, wie man vielleicht annehmen könnte. Im Gegenteil. Wenn es damals in Emmendingen eine Liebesheirat gab, dann diese. Hugo und Marta waren seit frühester Kindheit unzertrennlich, schrieben sich Briefe und Gedichte. Aus der Freundschaft wurde Liebe. Aus der Liebe eine glückliche Ehe, der zwei Töchter, Käte und Lore, entsprossen. 

Doch zurück zur Mitgift. Sie fiel damals bei unternehmerischen Aktivitäten ins Gewicht. So brachten beispielsweise die Gattinnen der Emmendinger Zigarrenfabrikanten Erich und Richard Bloch 100'000 bzw. 35'000 Mark in die Ehe und damit indirekt in die väterliche Zigarrenfabrik von Max Bloch ein. Im Fall der Zigarrenfabrik Bloch verhinderte dies allerdings nicht deren Niedergang, der noch vor 1933 im Bankrott endete. Die heillose Zerstrittenheit der Familie Bloch, Gift für jede Familienfirma, führte direkt in den Untergang der einstmals angesehenen Zigarrenfabrik.

Wie hoch war Marta Günzburgers Mitgift? Ihr Vater hatte vier Töchter mit einer Mitgift auszustatten, also dürfte die Kapitalzufuhr von dieser Seite deutlich unter 50'000 Mark gelegen haben. Um das Startkapital der Zigarrenfabrik weiter aufzustocken und auch um die Führungskapazität zu verbreitern, suchte Hugo Günzburger einen Teilhaber. Er fand ihn im jüdischen Tabakkaufmann Ferdinand Richheimer, mit dem er weitläufig verwandt war. Der 55-jährige Mannheimer war die ideale Ergänzung zum jungen Emmendinger. Richheimer verfügte über Erfahrung als Zigarrenfabrikant, besass Kontakte und hatte mit Henri einen Sohn, der von Anfang an in der Firma mitarbeitete und sich um den Verkauf der Fertigware kümmerte. Nach dem altersbedingten Rücktritt von Vater Richheimer im Jahre 1919 übernahm Henri dessen Rolle als Teilhaber. 

Die Zigarrenfabrik Günzburger & Cie. hatte ihre Produktion am 1. Januar 1910 im gemieteten Adler-Saal in Wyhl aufgenommen. Die Tabakentfeuchtungsanlage befand sich in der Kegelbahn. Die Patrons hatten 30 bis 40 Arbeiterinnen und Arbeiter eingestellt. Das Geschäft lief gut an. Der Saal des Wirtshauses war bald einmal zu klein und so kaufte die Firma ein Fabrikgrundstück an der Forchheimer Strasse. Ein Architekt zeichnete 1911 Pläne für eine grössere Betriebsstätte. Wyhl wollte die Firma unbedingt im Ort halten und erteilte zügig die Baubewilligung. Zwischen dem Grundstückskauf und dem Bezug der Fabrik verstrichen sechzehn Monate, ein in Kenntnis heutiger Bürokratien fast unglaubliches Tempo. Im Neubau beschäftigte Günzburger 120 Arbeiterinnen, später, mit dem Erweiterungsbau, gar 200. In rascher Folge kamen weitere Filialbetriebe hinzu. In Emmendingen, wo sich der Hauptsitz anfänglich im «Alten Ochsen» an der Karl-Friedrich-Strasse befunden hatte, baute die Zigarrenfabrik nach dem Ersten Weltkrieg in der Schwarzwaldstrasse den neuen Geschäftssitz und ein grosses Rohtabaklager, von dem aus die Herstellungsbetriebe bedient wurden. 

Die wirtschaftlich schwierigen Weimarer Jahre mit der Inflation 1922/23 und der Weltwirtschaftskrise 1928/29 trieben viele jüdische und nicht jüdische Zigarrenfabriken in den Untergang. Doch Hugo Günzburger und Henri Richheimer steuerten den Betrieb durch alle Untiefen. Eine Umstellung der Produktion erwies sich als strategisch richtig. Statt eine Vielzahl von Kopfzigarren in allen möglichen Formen und Fassons herzustellen, konzentrierte sich die Zigarrenfabrik auf preiswerte Stumpen, die sich effizienter und in viel höheren Stückzahlen herstellen liessen. Zudem verzichtete Günzburger auf eigene Fabrikmarken und produzierte für Grossabnehmer «namenlose» Handelsmarken. Die Stumpen wurden anschliessend von Edeka, Mühlensiepen und Wolsdorff unter den Markennamen dieser Unternehmen verkauft.

Markentechnisch gesprochen war die Zigarrenfabrik Günzburger unsichtbar, was nach Hitlers Machtergreifung ein Vorteil war, und weiteres Wachstum ermöglichte. In Kuhbach und Reichenbach entstanden Produktionsbetriebe mit bis zu 200 neuen Arbeitsplätzen. Zusammen mit Emmendingen, Wyhl, Weisweil, Nimburg, Malterdingen und Tenningen beschäftigte die Zigarrenfabrik Günzburger 1935 rund 1200 Personen. Damit gehörte das Unternehmen zu den wenigen Grossbetrieben der deutschen Zigarrenindustrie. 

Doch wir sind der Zeit voraus. 1928 erschütterte ein Ereignis die Firma in ihren Grundfesten: Hugo Günzburger starb völlig überraschend. Der 47-jährige Fabrikant hatte seit einiger Zeit unter starken Schmerzen gelitten. Die Ärzte diagnostizierten Nierensteine und empfahlen einen neuartigen medizinischen Eingriff. Doch die wenig erprobte Behandlungsmethode misslang – Patient tot. 

Nun zeigte sich, dass der Firmengründer klug gehandelt hatte, als er 1910 eine zweite Teilhaberfamilie ins Unternehmen aufgenommen hatte. Weder Hugos Gattin Marta noch die minderjährigen Töchter Käte und Lore hätten 1928 die Firma weiterführen können. Henri Richheimer konnte es. Er trug ab 1928 die Hauptverantwortung für die weitere Entwicklung der Firma. Er änderte nichts an der sozialliberalen Firmenkultur, die Hugo Günzburger immer wichtig war. Auch wenn die Kapitalmehrheit nun auf die Richheimer-Seite wechselte, bezog Henri Marta Günzburger immer in die Entscheidfindung ein. Wie schon zuvor, arbeiteten auch nach Hugo Günzburgers Tod beide Familien harmonisch zusammen.

Die Entscheidung, aus Deutschland zu emigrieren, fällten beide Familien 1935 gemeinsam. Die Entscheidung war nicht primär wirtschaftlich motiviert, denn der Zigarrenfabrik ging es gut, sie schrieb auch nach 1933 schwarze Zahlen und warf solide Gewinne ab. Es war die Zukunft der Kinder, die den Ausschlag zur frühen Emigration gab. Vor allem die Richheimer-Buben Walter und Heinz wurden an den öffentlichen Schulen geplagt, diskriminiert, geschlagen.

1935/36 verkauften die jüdischen Eigentümer ihr Unternehmen an die Schweizer Zigarrenfabrik Burger, die seit 1928 in Deutschland stark expandierte. Die Schweizer Firma nutzte den politischen Umschwung in Deutschland zu ihren Gunsten und bezahlte mit 690'000 Mark einen Preis, der erheblich unter dem wahren Firmenwert lag und nach 1945 zu einer sechsstelligen Nachzahlung führte.

Die Emigration der Familien Günzburger und Richheimer führte über die Schweiz nach Südafrika, Grossbritannien und endete schliesslich in den USA, wo die Familien in Los Angeles wieder zusammenfanden.

Nach Kriegsende waren Martas und Henris Jahre geprägt von langwierigen Restitutions- und Wiedergutmachungsverfahren. Für beide Familien waren es materiell harte und entbehrungsreiche Jahre. Viel hatten ihnen die Ariseure entzogen; noch mehr raubte ihnen Hitlers Unrechtsstaat.

Marta Günzburger starb 1952 mit 61 Jahren. Zwei Jahre später folgte ihr Henri Richheimer nach. Er war 66 Jahre alt, aber müde und erschöpft wie ein 99-Jähriger. Nach Deutschland sind beide nie wieder zurückgekehrt. Zu viele Enttäuschungen, zu viel Trauer über Verwandte, die in den Lagern umgekommen waren. 

Zurück in Deutschland, zurück in Emmendingen blieb einzig Hugo Günzburger mit seinem schlichten Grab auf dem jüdischen Friedhof. Ja, er war ein grosser Sohn der Elz-Stadt, sozialliberal, freiheitsliebend und den Menschen zugetan.



Buchtipp

In der Reihe «Jüdische Miniaturen» des Verlages Hentrich & Hentrich erschien soeben Urs Thalers Buch «Hugo Günzburger – ein Zigarrenfabrikant aus Emmendingen». Das Buch ist in einer deutschen und einer englischen Ausgabe erhältlich. Es zählt 112 Seiten und kostet 10,90 Euro



Urs Thaler (72) lebt in Luzern. Er studierte in Zürich Recht und Rechtsgeschichte, arbeitete danach als Journalist, Leiter Public Relations einer Schweizer Grossbank, bevor er eine Kommunikationsfirma gründete. Seit vielen Jahren erforscht er die Geschichte der jüdischen und nicht jüdischen Zigarrenfabriken in Deutschland. 


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